Die Primarschule Thurgau markiert für Kinder und Eltern den echten Start in den schulischen Ernst des Lebens – nach der spielerischen Kindergartenzeit rücken nun Lehrplan, Hausaufgaben und bald auch Noten in den Fokus. Bei uns in der Ostschweiz ist das Schulsystem kantonal geregelt, was bedeutet, dass sich Fächer, Übertrittsverfahren und Jokertage von unseren Nachbarkantonen wie St. Gallen oder Zürich unterscheiden. Als meine Tochter in Ermatingen in die erste Klasse kam, war ich anfangs von Begriffen wie «NMG» oder den detaillierten Beurteilungsbögen ziemlich überrumpelt. In diesem Ratgeber erkläre ich dir, wie die Thurgauer Primarstufe funktioniert, wann welche Fremdsprachen starten und wie der oft gefürchtete Übertritt in die Sekundarschule abläuft.
- Dauer: 6 Jahre (1. bis 6. Klasse), aufgeteilt in den 1. und 2. Zyklus des Lehrplan 21.
- Noten: Zeugnisnoten von 1 bis 6 werden erst ab der 3. Klasse erteilt.
- Fremdsprachen: Englisch startet in der 3. Klasse, Französisch folgt in der 5. Klasse.
- Jokertage: Eltern stehen im Kanton Thurgau 2 Jokertage pro Schuljahr zur Verfügung.
- Übertritt: Findet in der 6. Klasse statt (Zuweisung in Sekundarschule Niveau E oder G).
Ariane Nagel, Autorin: „Als Mutter von zwei Schulkindern weiss ich: Der Übertritt nach der 6. Klasse macht vielen Eltern Sorgen. Bei unserem Sohn an der Primarschule am Seerücken haben wir gemerkt, dass eine offene, frühzeitige Kommunikation mit der Lehrperson viel mehr Druck herausnimmt als stundenlanges Üben am Küchentisch.“
🏫 Struktur und Aufbau der Primarschule Thurgau
Die Volksschule ist im Kanton Thurgau obligatorisch und dauert insgesamt elf Jahre (zwei Jahre Kindergarten, sechs Jahre Primarschule, drei Jahre Sekundarschule). Gesteuert wird das System durch das Amt für Volksschule Thurgau, welches die Rahmenbedingungen für alle Schulgemeinden festlegt.
Im Rahmen des gesamtschweizerischen Lehrplan 21 ist die Schulzeit in Zyklen eingeteilt. Die Primarschule Thurgau deckt dabei das Ende des ersten und den gesamten zweiten Zyklus ab:
- 1. Zyklus (Unterstufe): Kindergarten bis 2. Klasse der Primarschule. Hier steht das spielerische Lernen, der Erwerb der Schriftsprache und das Grundverständnis für Zahlen im Vordergrund.
- 2. Zyklus (Mittelstufe): 3. bis 6. Klasse. Das Lernen wird strukturierter, Fremdsprachen kommen hinzu und die Schülerinnen und Schüler übernehmen zunehmend Selbstverantwortung für ihre Hausaufgaben und Lernziele.
📚 Lehrplan und Fächer: Was wird unterrichtet?
Wie in den meisten Deutschschweizer Kantonen arbeitet auch der Thurgau mit dem Lehrplan 21. Dieser definiert nicht nur den klassischen Stoff, sondern sogenannte «Kompetenzen» – also das, was ein Kind wissen und anwenden können muss. Die offizielle Stundentafel Thurgau gibt den Schulen vor, wie viele Lektionen pro Woche für welches Fach aufgewendet werden müssen.
Ein Begriff, an den du dich schnell gewöhnen wirst, ist NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft). Dieses Fach vereint das, was wir früher als «Realien» oder «Heimatkunde» kannten. Es umfasst Themen wie Biologie, Geschichte, Geografie und Physik, kindgerecht aufbereitet.
| Fachbereich / Lehrplan 21 | 1. & 2. Klasse | 3. & 4. Klasse | 5. & 6. Klasse |
|---|---|---|---|
| Deutsch | ca. 6 Lektionen | ca. 5 Lektionen | ca. 5 Lektionen |
| Mathematik | ca. 5 Lektionen | ca. 5 Lektionen | ca. 5 Lektionen |
| NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) | ca. 4 Lektionen | ca. 5 Lektionen | ca. 5 Lektionen |
| Fremdsprachen | – | Englisch (ab 3. Kl.) | Englisch & Französisch (ab 5. Kl.) |
| Gestalten, Musik & Sport | ca. 8 Lektionen | ca. 9 Lektionen | ca. 9 Lektionen |
Richtwerte gemäss Stundentafel Volksschule Thurgau. Die genaue Lektionenverteilung kann je nach Schulgemeinde leicht variieren.

📊 Hausaufgaben und Beurteilung: Wie gibt es Noten?
Eines der wichtigsten Themen für Eltern ist die Leistungsbeurteilung. Der Kanton Thurgau setzt auf einen sanften Einstieg in die Leistungskultur:
- 1. und 2. Klasse: Es gibt noch keine klassischen Noten. Die Beurteilung erfolgt formativ. Am Ende des Semesters gibt es ein Beurteilungsgespräch und einen Lernbericht, der aufzeigt, ob das Kind die Grundansprüche erreicht, übertroffen oder noch nicht erreicht hat.
- Ab der 3. Klasse: Nun startet die Beurteilung mit Noten von 1 bis 6 (wobei 6 die beste Note ist und 4 genügend). Zweimal jährlich erhalten die Schülerinnen und Schüler ein offizielles Zeugnis.
Zusätzlich zu den Fachnoten wird im Thurgauer Zeugnis auch das Arbeits- und Lernverhalten sowie das Sozialverhalten beurteilt. Diese sogenannten «überfachlichen Kompetenzen» (z.B. Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit bei Hausaufgaben, Teamfähigkeit) sind besonders später beim Übertritt in die Sekundarschule ein wichtiges Kriterium.
🎓 Der Übertritt: Von der Primarschule in die Sekundarschule
Nach sechs Jahren Primarschule Thurgau steht der wohl grösste Meilenstein der obligatorischen Schulzeit an: Der Übertritt in die Sekundarstufe I. Im Kanton Thurgau ist die Sekundarschule in der Regel in zwei Niveaus gegliedert:
- Niveau E (Erweiterte Ansprüche): Bereitet auf anspruchsvollere Berufslehren oder den späteren Wechsel an eine Mittelschule (Kantonsschule/Gymnasium) vor. Das Lerntempo ist höher, es wird mehr Selbstständigkeit erwartet.
- Niveau G (Grundansprüche): Fokus auf solide Grundbildung und Vorbereitung auf klassische Berufslehren. Die Lehrpersonen bieten hier oft mehr geführte Lernstrukturen an.
Wie läuft das Übertrittsverfahren ab?
Im Thurgau gibt es keine zentrale Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule. Der Übertritt basiert auf einer Gesamtbeurteilung. Die Klassenlehrperson der 6. Klasse stützt sich dabei auf die Zeugnisnoten (insbesondere Deutsch, Mathematik und NMG), das Arbeitsverhalten und die allgemeine schulische Entwicklung. Im Januar/Februar der 6. Klasse findet das entscheidende Übertrittsgespräch zwischen Lehrperson, Eltern und Kind statt.
Sind sich Eltern und Lehrperson beim Übertrittsentscheid nicht einig, gibt es ein festgelegtes Verfahren, bei dem in der Regel die Schulleitung beigezogen wird. Als Eltern solltet ihr bereits in der 5. Klasse regelmässig das Gespräch mit der Lehrperson suchen, um böse Überraschungen im Übertrittsjahr zu vermeiden.
⚖️ Rechte und Pflichten für Eltern (Jokertage & Co.)
Das Volksschulgesetz Thurgau regelt nicht nur die Pflichten der Kinder, sondern auch jene der Eltern. Der Schulbesuch ist obligatorisch. Bei Krankheit muss das Kind vor Unterrichtsbeginn (meist via Klapp-App, Escola oder telefonisch) abgemeldet werden.
Ein grosser Vorteil für Familien sind die Jokertage. Im Kanton Thurgau haben Schülerinnen und Schüler das Recht auf zwei freie Halbtage pro Schuljahr (was oft zu einem ganzen Tag zusammengefasst wird), die ohne Angabe von Gründen bezogen werden können. Ideal für ein verlängertes Wochenende oder ein Familienfest. Wichtig: Jokertage müssen meist im Voraus gemeldet werden und dürfen oft nicht an speziellen Schulanlässen (z.B. Sporttag) bezogen werden.

❓ Häufige Fragen zur Primarschule Thurgau
Wie viele Jokertage gibt es in der Primarschule Thurgau?
Gemäss dem Thurgauer Volksschulgesetz stehen jedem Kind zwei freie Halbtage (Jokertage) pro Schuljahr zur Verfügung. Diese können einzeln oder als ganzer Tag bezogen werden. Sie müssen der Klassenlehrperson im Voraus gemeldet werden, Gründe müssen Eltern dafür keine angeben.
Wann beginnt der Englisch- und Französischunterricht?
In der Thurgauer Primarschule startet die erste Fremdsprache, Englisch, in der 3. Klasse. Zwei Jahre später, ab der 5. Klasse, kommt Französisch als zweite Fremdsprache hinzu. Beide Fächer werden bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit in der Sekundarschule weitergeführt.
Was passiert, wenn Eltern und Lehrperson beim Übertritt uneinig sind?
Wenn im Übertrittsgespräch der 6. Klasse keine Einigung über die Zuweisung in das Niveau E oder G erzielt wird, entscheidet in einem ersten Schritt die Schulleitung nach Anhörung beider Seiten. Sind die Eltern weiterhin nicht einverstanden, kann ein formeller Entscheid bei der Schulbehörde verlangt werden, gegen den ein Rekurs möglich ist.
Ist der Kindergarten im Thurgau obligatorisch?
Ja, im Kanton Thurgau ist der zweijährige Kindergarten obligatorisch und bildet zusammen mit der Primarschule die Volksschule. Kinder, die bis zum 31. Juli das vierte Lebensjahr vollenden, treten im August desselben Jahres in den obligatorischen Kindergarten ein.
Wo finde ich den offiziellen Ferienplan für meine Schulgemeinde?
Der Kanton Thurgau gibt zwar Rahmenbedingungen für die Schulferien vor (wie die Dauer der Sommerferien), die genauen Daten für Sport-, Frühlings- und Herbstferien legt jedoch jede Schulgemeinde individuell fest. Du findest den verbindlichen Ferienplan immer auf der offiziellen Website deiner örtlichen Schulgemeinde.
🌱 Fazit: Begleiten statt Drängen
Die Primarschule Thurgau bietet ein strukturiertes und gut durchdachtes System, das Kinder schrittweise an Leistungsanforderungen heranführt. Besonders der Verzicht auf Noten in den ersten zwei Jahren nimmt viel Druck aus dem Kessel. Für dich als Elternteil heisst das: Interessiere dich für den Schulalltag, unterstütze bei den Hausaufgaben, aber überlasse die Verantwortung für das Lernen zunehmend deinem Kind.
Wenn der Übertritt in der 6. Klasse ansteht, vertraue auf die Einschätzung der Lehrpersonen. Ein Kind, das im Niveau G mit Freude lernt und gute Noten schreibt, entwickelt oft mehr Selbstvertrauen als eines, das sich im Niveau E ständig überfordert fühlt. Das Schweizer Bildungssystem ist extrem durchlässig – auch nach der Sekundarschule stehen alle Wege offen.
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